Parentifizierung

 

 

 

 

 

Peter Thiel 

Systemischer Berater und Therapeut / Familientherapeut (DGSF)

Telefon: 030 / 499 16 880 

Funk: 0177.6587641

E-Mail: info@praxis-fuer-loesungsorientierte-arbeit.de

Internet: http://praxis-fuer-loesungsorientierte-arbeit.de

Kontaktaufnahme per Mail wird empfohlen.

 

Die nachfolgenden Anfragen wurden teilweise leicht verändert, um die Anonymität der Anfragenden zu sichern.

 

 

 

 

 

 

 




-----Ursprüngliche Nachricht-----
Von: ...
Gesendet: Donnerstag, 12. Dezember 2019 16:39
An: ...
Betreff: Beratungsanfrage

Hallo Herr Thiel,

Mein Name ist Martina Timbur (Name geändert) und ich bin 35 Jahre alt (Single, kinderlos). Ich wende mich an Sie, weil ich ein Problem mit der Beziehung zu meiner Mutter (61 Jahre) habe und nicht weiß, wie ich es alleine angehen bzw. lösen soll:

Zwischen meiner Mutter und mir hat der Abnabelungsprozess nie wirklich stattgefunden. Weder hat sie mich bis heute wirklich losgelassen, noch konnte ich mich jemals richtig von ihr lösen.

In unserer Familie gibt es nur sie und mich. Ich bin für meine Mutter der Mittelpunkt ihres Lebens geblieben (ihre Aussage). Zu meinem Vater besteht seit der Trennung meiner Eltern im Jahr 2000 kein Kontakt, ich habe keine Geschwister (zwei weitere Kinder, die meine Mutter zur Welt gebracht hat, sind kurz nach der Geburt gestorben), meine Großeltern sind bereits verstorben und meine Eltern sind auch Einzelkinder. Meine Mutter hatte in den letzten Jahren auch keinen neuen Partner.

Nachdem sich meine Eltern getrennt haben, habe ich immer mehr die Rolle „des Mannes im Haus“ übernommen und kümmere mich auch heute noch um viele Dinge, mit denen meine Mutter sich nicht auskennt. Natürlich nimmt sie diese Hilfe auch gerne in Anspruch, da ich versuche immer für die da zu sein und noch nicht ernsthaft auf die Idee gekommen bin, ihr zu sagen, sie soll etwas selbst probieren.

Wir haben seit der Scheidung ein sehr viel engeres emotionales Verhältnis zueinander entwickelt als es davor der Fall war. Ich rede, seit damals und auch noch heute, sehr offen über sehr viele meiner Probleme/Gedanken mit meiner Mutter. Unser Verhältnis ist mehr freundschaftlich als mütterlich-töchterlich. Und obwohl ich schon 35 Jahre alt bin, wünschte ich mir oft, sie wäre mehr Mutter und weniger Freundin. Jemand zu der ich aufschauen kann und die mir auch mal einen Ratschlag gibt. Bei uns ist das eher umgekehrt, oft habe ich das Gefühl, dass ich die Mutter bin.

Dann denke ich wiederum, dass meine Erwartungen an meine Mutter zu hoch sind, vor allem da ich diese Gedanken ihr gegenüber erst vor kurzem zu ersten Mal kommuniziert habe.

Mir ist leider erst vor kurzem wirklich bewusst geworden in welch hohen Maß ich mich für meine Mutter verantwortlich fühle. Ich bin in ständiger Sorge um ihr physisches und psychisches Wohlergehen. Da sie sowohl mit körperlichen Gebrechen als auch mit depressiven Verstimmungen zu kämpfen hat, besteht auch stets Anlass zur Sorge. Ich versuche alles zu vermeiden, was sie verletzen, verärgern oder traurig machen könnte. Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn sie meine Hilfe braucht, ich aber keine Zeit habe. Gerne würde ich z.B. an Weihnachten verreisen, tue es aber nicht, weil Weihnachten und Familie für sie wichtig sind. In den letzten 18 Jahren habe ich mehrere Anläufe unternommen, aus ... wegzuziehen, weil ich nicht in dieser Stadt leben wollte/will (Studium in einer anderen Stadt, Auslandsjahr, Arbeit auf einem Kreuzfahrtschiff). Allerdings habe ich immer schuldig gefühlt bei dem Gedanken, meine Mutter alleine zu lassen, also habe ich mich in ... niedergelassen.

In meinen geheimsten Gedanken stelle ich mir vor, dass ich erst dann „frei“ sein werde, mein Leben zu leben, wenn meine Mutter irgendwann nicht mehr lebt. Und in den Momenten, in denen ich das Kämpfen satthabe und resigniere, erscheint mir dieses Abwarten als keine schlechte Option. An den besseren Tagen denke ich aber: So kann es nicht weitergehen – ich möchte mein Leben frei und nach meinen Vorstellungen gestalten – dazu fehlt mir aber der Mut; ich möchte meinem Leben einen Sinn geben; ich möchte irgendwann eine funktionierende Beziehung führen können – dazu muss ich aber erstmal emotional erwachsen werden; ich möchte ein bisschen glücklicher und erfüllter leben als momentan. (Vermutlich sind das aber Themen, die über das Problem mit meiner Mutter hinausgehen. Aber irgendwo sollte ich anfangen…)

Vor einigen Wochen habe ich versucht meiner Mutter diese Gedanken zu erklären und sie gebeten mir dabei zu helfen, unsere Beziehung zu verändern. Natürlich ist der Schuss völlig nach hinten losgegangen. Sie konnte nicht verstehen, was mein Anliegen war, war verletzt und hat sich komplett zurückgezogen. Nach zwei weiteren Gesprächen mit meiner Mutter war mein Fazit, dass es in erster Linie mein Problem ist, da ICH mich ja für sie verantwortlich fühle und dass ich das Problem zunächst alleine angehen werde; mit der Option sie bei Bedarf mit ins Boot zu holen.

Und nun kommen Sie eventuell ins Spiel: Ich habe keine Vorstellung davon, wie eine „normale“ Beziehung zwischen mir und meiner Mutter aussehen könnte. Ich weiß nicht, wie ich dieses Verantwortungsgefühl und das schlechte Gewissen loswerden kann. Wie kann ich lernen meine Grenzen zu erkennen und sie zu kommunizieren, ohne meine Mutter zu verletzen?

Wenn Sie denken, dass Sie mir bei meinen Themen behilflich sein könnten, würde ich mich über Ihre Rückmeldung freuen.

Mit freundlichen Grüßen,

...



 

home