Erziehung

 

 

 

 

 

Peter Thiel 

Systemischer Berater und Therapeut / Familientherapeut (DGSF)

Telefon: 030 / 499 16 880 

Funk: 0177.6587641

E-Mail: info@praxis-fuer-loesungsorientierte-arbeit.de

Internet: http://praxis-fuer-loesungsorientierte-arbeit.de

Kontaktaufnahme per Mail wird empfohlen.

 

Die nachfolgenden Anfragen wurden teilweise leicht verändert, um die Anonymität der Anfragenden zu sichern.

 

 

 

 

 



-----Ursprüngliche Nachricht-----
Von: ...
Gesendet: Dienstag, 9. Januar 2018 16:27
An: ...
Betreff: Experteninterview ...

Sehr geehrter Herr Thiel,
Ich schreibe zurzeit an einem Artikel für die ... zum Thema „Probleme am Esstisch“. Es handelt sich hierbei um 10 häufig vorkommende Situationen, die viele Eltern belasten. Wir würden unseren Lesern gerne Lösungen mit Hilfe von Expertentipps vorschlagen.

Bei meiner Recherche bin ich auf Ihre Person gestoßen. Als Systemischer Berater und Therapeut / Familientherapeut haben Sie bestimmt viele wertvolle Tipps für unsere Leser. Wären Sie bereit in einem Interview – telefonisch oder auch per Mail - ein paar Fragen zu beantworten?

 





-----Ursprüngliche Nachricht-----
Von: ...
Gesendet: Mittwoch, 10. Januar 2018 14:42
An: ...
Betreff: AW: Experteninterview ...

Super, ich schicke Ihnen einmal die Probleme über die wir schreiben wollen:

1. Kind kippelt ständig

2. Kind ist mäklig

3. Kind steht ständig auf vom Tisch

4. Kind isst alles nur mit Ketchup

5. Kind schmeißt ständig Gläser um

6. Kind spielt mit dem Essen

7. Baby will sein Brei nicht essen

8. Kind kleckert ständig

9. Kind will nicht mit Messer und Gabel essen

10. Geschwister streiten sich ständig am Tisch

11. Kind trinkt zu wenig

12. Kind isst kein Gemüse, Obst...

13. Kind isst generell nichts, hat dann aber Hunger, wenn es ins Bett gehen soll



Es sind natürlich eine Menge unterschiedlicher Punkte und wahrscheinlich fällt der ein oder andere auch nicht in Ihren Aufgabenbereich. Am besten wählen Sie die Punkte aus zu denen Ihnen die besten Tipps einfallen und schreiben dazu ein paar Sätze, die wir dann zitieren können.

Vielen Dank für Ihre Mühe.

Herzliche Grüße

...

 

 




-----Ursprüngliche Nachricht-----
Von: ...
Gesendet: Freitag, 12. Januar 2018 15:06
An: '...
Betreff: AW: Experteninterview ...


Sehr geehrte Frau ...
 

Alles hat seine Gründe, alles hat seinen Sinn. Nichts muss so bleiben wie es ist.

Sogenannte "Erziehungsprobleme" sind in aller Regel keine Probleme, verursacht durch das Kind, sondern durch die Erwachsenen (Mutter, Vater, Großeltern, Erzieher/innen, Lehrer/innen etc.). Von daher heißt es auch sich die Beziehungsdynamik Bezugsperson - Kind anzuschauen, wie auch die Interaktion auf der Ebene der Erwachsenen. Hinzu kommen Interaktionen im Geschwistersystem und Rückkopplungen vom Kind oder Jugendlichen auf die erwachsene Bezugsperson, die dann wiederum auf das Kind, den Jugendlichen zurückgekoppelt werden.

Das Kind ist von Geburt an aber kein reines Objekt, sondern "Mitspieler" im System. Der Unterschied zum Erwachsenen ist aber die persönliche Reife, die körperliche und geistige Stärke, hierin ist das Kind den Erwachsenen in der Regel unterlegen und das macht auch die Verantwortung der Erwachsenen aus. Im Strafrecht bildet sich das in der Strafmündigkeit ab, die im Jugendstrafrecht erst mit 14 Jahren gegeben ist. Vorher hat das Kind strafrechtlich gesehen "Narrenfreiheit", was nicht heißt, dass das Kind alles folgenlos tun kann und darf.

Das Problem ist wiederum nun die teils persönliche Unreife der Erwachsenen, aus der viele Probleme mit Kinder und Jugendlichen resultieren, so etwa bei der Problematik der Parentifizierung von Kindern, als der Rollenumkehr von Erwachsene und Kinder, Kinder übernehmen Aufgaben der Erwachsenen, wie etwa Führung, ohne dieser Aufgabe gewachsen zu sein, bei länger anhaltenden Rollenkonfusionen können so schwere Störungen bei den Heranwachsenden Kinder implementiert werden, denen im Erwachsenenalter der Kinder dann nur durch einen hohen Aufwand (Therapie) beizukommen ist oder die zu dauerhaften Störungsbildern führen (Stichwort Frühverrentung).

Die Frühverrentung ist eigentlich eine Art staatlicher Verlängerung des Kindergartens bis zum Tod auf Kosten der Beitragszahler/innen. Das Erwachsenenalter wird übersprungen. 

Zu guter Letzt aber auch ein Hinweis auf Gelassenheit. Viele Probleme verlieren sich im Laufe der Zeit, ohne dass man viel dafür tun muss, außer eben Gelassenheit aufzubringen und das Problem nicht schlimmer zu machen, als es anfangs ist. Aufmerksamkeit ist aber bei chronifizierten, also langanhaltenden Störungsbildern geboten, oft wird es da nützlich sein, sich mit einem Fachmann oder einer Fachfrau in Verbindung zu setzen, um den Dingen auf den Grund zu gehen und nachhaltige Veränderungen herbeizuführen.

 

Die nachfolgenden Antworten erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Zutreffen in jedem konkreten Einzelfall




1. Hier kann es mehrere Gründe geben.

Zum einen kann das Kippeln sich angenehm anfühlen, grad so als wenn ein Kind auf einem Schaukelpferd sitzt. Von daher wäre es erst einmal nicht weiter verwunderlich, dass das Kind schaukelt/kippelt. Beides kann beruhigend wirken. Allerdings nicht auf die Eltern, Erzieher oder Lehrer, die nervt es in der Regel, auch weil es gegen die gewünschten Ordnungsvorstellungen verstößt. Diese versuchen auf das Kind einzuwirken, damit es mit dem Kippeln aufhört, das Kind bekommt also Aufmerksamkeit. Die Suche nach Aufmerksamkeit kann ein Grund dafür sein, dass das Kind trotz der Ermahnungen oder gerade wegen der Ermahnungen kippelt. Würden die Eltern den Raum verlassen, könnte es sein, dass das Kind aufhört zu kippeln, weil niemand mehr da ist, den es damit provozieren und damit Aufmerksamkeit erlangen könnte.


2. Zum einen ist es erst einmal ganz normal und gesund, dass das Kind nicht alles isst was auf den Tisch kommt. Das sollte man respektieren und das Kind nicht zwingen, dieses oder jenes zu essen, nur weil die Erwachsenen man meinen, das wäre ja so gesund, etc. pp.

Wenn das Kind nun aber an allem rummäkelt, hat das neurotische Züge, es geht dann vermutlich um die Ablehnung des Essens an sich (Stichwort Suppenkaspar). Bei kleinen Kindern dürfte das eher selten vorkommen, bei Kinder in der Pubertät häufiger. Das rummäkeln stellt sich dann als heimlicher Machtkampf zwischen Kind und einem oder beiden Elternteilen dar. Hier sollte mal als Elternteil seine eigene Position überprüfen, insbesondere, wie ist es um meine Fähigkeit bestellt, das Kind/den Jugendlichen in seinen Autonomiewünschen zu respektieren und zu fördern.


3. Wenn Kinder ständig auf dem Tisch stehen beruht das auf einer mangelnden oder fehlenden wirksamen Grenzsetzung durch die Eltern. Das Kind stellt sich im wahrste Sinne des Wortes über die Eltern, Schuld ist hier nicht das Kind (Symptomträger), sondern die Eltern, denen es an elterlicher Autorität fehlt und die ihre elterliche Verantwortung und ihre elterlichen Führungsrolle nicht adäquat wahrnehmen. Die Gründe bei den Eltern sind häufig unbewusst. Veränderungen bedürfen hier in der Regel professioneller Unterstützung für die Eltern.


4. Ketchup versüßt das Leben. Das Kind möchte sich nicht anstrengen, wenn schon Anstrengung, dann gleich mit Belohnung (Bonbon, Schokolade oder eben Ketchup).

Süßigkeiten, das ist ein Ersatz für Aufmerksamkeit und Liebe, Das Kind meint, zu wenig davon zu bekommen und gleicht dies mit Süßigkeiten aus. Da Spagetthi mit Schokolade nicht schmeckt oder nicht üblich ist, tut es ersatzweise auch Ketchup.


5. Das Kind ist unkonzentriert, also mit den Gedanken woanders, so etwa bei einer drohenden aber nicht offen kommunizierten Trennung der Eltern. Oder das Kind hat Probleme in der Schule und ist in Gedanken bei der nächsten Klassenarbeit und nicht beim Esstisch.

Hier gilt es für die Eltern, sich nicht auf das Symptom (Gläser umwerfen) zu konzentrieren, sondern zu schauen, welche Probleme das Kind im Leben gerade bewegt und wie diese gelöst werden können.


6. Das Kind will nicht fertig werden (kennen wir als Erwachsene auch, statt den überfälligen Bericht an den Chef nun endlich fertig zu machen, surfen wir im Internet und gucken uns dieses oder jenes an, was das Problem natürlich nicht löst).

Hier ist zu gucken, wovor das Kind Angst hat, so dass es sich auf einem Ersatzschauplatz wohler zu fühlen scheint.



7. In der Regel sind die Babys noch sehr kompetent, weil noch nicht mit den Kulturerwartungen dieser Welt vertraut, wenn das Baby den Brei nicht essen will, hat es in der Regel grad keinen Hunger oder der Brei schmeckt ihm nicht. Dann also einfach etwas später füttern, in der Regel hat das Baby dann Hunger.

Nur in sehr seltenen Fällen liegt eine problematische Störung beim Baby vor, wenn dies vermutet wird, sollte rechtzeitig ein Kinderarzt aufgesucht werden.



8. siehe 5.


9. Kind will sich nicht weiterentwickeln, sondern auf der Stufe des Kleinkindes (Babybrei und Löffelchen verharren).

Hier gilt es zu schauen, vor welchen Entwicklungsaufgaben das Kind unbewusst Ängste hat.



10. Geschwisterkonkurrenz. Häufig auch "Stellvertreterkriege" für die Eltern (Vater und Mutter), die Kinder beziehen Partei für den einen oder anderen Elternteil und streiten am Tisch um die Liebesressourcen der Eltern. Der Streit kann sich auch fortsetzen, wenn die Eltern abwesend sind, häufig später auch bei Erbschaftsstreitigkeiten der zwischenzeitlich erwachsenen Kindern. Da wird dann um jeden Euro gestritten, weil es eben mehr geht als um den Euro, es geht um die Liebe der Eltern, von der man meint, zu wenig bekommen zu haben.


11. Abklären beim Kinderarzt. Ob ein Kind "zu wenig" trinkt, ist häufig keine objektive Einschätzung der Eltern, sondern nur ein gefühlte.

Aber auch hier kann es wie beim Essen um einen Machtkampf zwischen Kind und Eltern gehen, die Verweigerung von Trinken wäre dann der Versuch des Kindes, sich der Kontrolle und Einflussnahme durch die Eltern zu entziehen.


12. Wenn das Kind kein Obst und Gemüse ist, sondern statt dessen Fertignahrung (Stichwort Spagetti mit Ketchup), dann geht es um das Thema 4.

Das Kind will sich nicht anstrengen. Obst und Gemüse sind unverarbeitete Lebensmittel, müssten in der Regel gekaut und im Körper (Verdauungssystem) aufgeschlossen und verarbeitet werden. Das Kind hat die Meinung auf Arbeit verzichten zu können, da es frühzeitig an ein Leben ohne Anstrengung gewöhnt wurde (Overprotectness durch die Eltern, häufiger die Mutter als der Vater).


13. Den Kind fehlen zum einen klare Strukturen.

Das Kind will nicht ins Bett, daher "fällt" dem Kind kurz vorher ein, dass es ja noch hungrig ist.

Zu Bett gehen, heißt loszulassen, um in den Schlaf zu kommen.

Loslassen kann ich, wenn ich mich in Sicherheit weiß. Ein Kind, dass Angst um seine Sicherheit hat vermeidet das Zubett gehen, wenn überhaupt, dann mit Schnuller und mit Kuscheltier und mit Mama am Bettrand. Dies kann sich fortsetzen mit der Problematik, dass 10-jährige Mädchen und Jungen noch im Bett der Mutter schlafen. Der Vater ist entweder nicht mehr in der Familie oder schläft auf der Klappliege im Wohnzimmer. Dahinter steckt dann eine problematische Paarbeziehung, die am besten mit einem kompetenten Paar- und Familientherapeuten angeschaut werden sollte.

 


Mit freundlichen Grüßen



Peter Thiel

 

 

 

 

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